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Politische Wochenschau: Eine Dosis Selbstkritik

Guten Tag, diese Woche möchte ich mich neben einigen tagespolitischen Themen einer grundsätzlichen jo
Politische Wochenschau: Eine Dosis Selbstkritik
Von Dominik Lawetzky • Ausgabe #14 • Im Browser ansehen
Guten Tag,
diese Woche möchte ich mich neben einigen tagespolitischen Themen einer grundsätzlichen journalistischen Frage zuwenden: Welchen Ansprüchen muss guter Journalismus genügen?
Hintergrund ist der Aufruhr bei der New York Times um einen Op-Ed. Am 3. Juni veröffentlichte die Times einen Gastbeitrag des republikanischen Senators Tim Cotton, in dem dieser forderte, das Militär gegen Ausschreitungen während der Anti-Rassismus-Proteste einzusetzen:
“One thing above all else will restore order to our streets: an overwhelming show of force to disperse, detain and ultimately deter lawbreakers.”
Mittlerweile ist der Gastbeitrag mit einer “Editors’ Note” versehen, in der es unter anderem heißt:
“The basic arguments advanced by Senator Cotton — however objectionable people may find them — represent a newsworthy part of the current debate. But given the life-and-death importance of the topic, the senator’s influential position and the gravity of the steps he advocates, the essay should have undergone the highest level of scrutiny.”
Wenige Tage nach Erscheinen des Textes musste der Leiter des Meinungsressort, James Bennet, seinen Posten räumen. Bennet musste bekennen, Cottons Op-Ed nicht einmal gelesen zu haben. Zudem entschuldigte sich Verlagschef A. G. Sulzberger bei der Belegschaft der Times.
Aus deutscher Sicht erscheint die Aufregung übertrieben. Doch wie heißt es in Harper Lees “To Kill A Mockingbird” so schön:
“You never really understand a person until you consider things from his point of view.”
Abschließend wende ich mich diese Woche dem zweiten Teil des Zitats zu und thematisiere den (gar nicht so latenten) Rassismus in Deutschlands Medienlandschaft:
“Until you climb inside of his skin and walk around in it.”

Konstruierte Neutralität
Dilettantische Skizze: Strikte Trennung zwischen "Newsroom" und "Editorial Board"
Dilettantische Skizze: Strikte Trennung zwischen "Newsroom" und "Editorial Board"
Wenn Du nicht allzu oft in US-amerikanische Zeitung blickst, wirst Du Dich vermutlich fragen, was ein Op-Ed ist (nämlich die opposite of the editorial page, der Ort für Gastbeiträge) und warum die Times ein eigenes Meinungsressort unterhält.
In den Vereinigten Staaten ist es üblich, dass tagesaktuelle Berichterstattung (“Newsroom”) und Kommentierung (“Editiorial Board”/“Opinion”) strikt räumlich wie auch personell voneinander getrennt sind. Dem liegt die Wille zugrunde, dass die Berichterstatter:innen nicht durch die Kommentierung der Themen, über die sie berichten, an Glaubwürdigkeit einbüsen sollen.
Berichterstattung, das wird seit jeher an US-amerikansichen Universitäten gelehrt, habe neutral zu erfolgen. Unter keinen Umständen dürfe Meinung durchschimmern.
Politik-Kommentierung bei CNN: Keine Position kommt zu kurz
Politik-Kommentierung bei CNN: Keine Position kommt zu kurz
Diese “Neutralität” wird versucht, durch eine zeitliche bzw. räumliche Balance politischer Positionen herzustellen. Das heißt, einem linksliberalen Kommentar wird ein ähnlich ausführlicher konservativer Kommentar gegenübergestellt. Besonders sichtbar wird dieser Ethos bei CNNs Kommentierung, bei der stets zwei Kommentator:innen gegensätzlicher Positionen dialogisch kommentieren.
Ein häufig angebrachter Kritikpunkt an diesem Ethos ist, dass nicht jede Position den gleichen (faktischen) Gehalt und damit die gleiche Berechtigung hat. Das lässt sich an einem einfachen, extremen Beispiel aufzeigen: Kann der Einsatz von Kriegswaffen gegen unschuldige Zivilist:innen legitim sein? (Ja, aktuell ist dieses Beispiel gar nicht mehr so abwägig …)
An diesen Kritikpunkt knüpft die Frage an, ob einer nicht von Tatsachen untermauerten und schlimmstenfalls moralisch fragwürdigen Meinung genau so viele Zeilen in einer Zeitung bzw. Minuten im Fernsehen eingeräumt werden sollten.
Genau diese Frage ist der Aufhänger bei der Aufruhr in den Redaktionsräumen der New York Times.
Ist es zu rechtfertigen, eine Extremposition wie der Cottons einen Op-Ed einzuräumen? Wurde diesem Op-Ed ein hinreichend wuchtiger Konter gegenübergestellt? Nicht zuletzt die Selbstverständlichkeit: Entspricht die im Op-Ed präsentierte Faktenlage der Realität - oder handelt es sich um “alternative facts”?
Die Times-Kolumnistin Michelle Goldberg resümiert (fast schon resigniert):
“It’s important to understand what the people around the president are thinking. But if they’re honest about what they’re thinking, it’s usually too disgusting to engage with. This creates a crisis for traditional understandings of how the so-called marketplace of ideas functions.”
Abschließend möchte ich einen Gedanken mit Dir teilen: Ich glaube, “Neutralität” - ein Begriff, den ich oben mit Absicht in Anführungszeichen gesetzt habe - sollte nicht der Maßstab guten Journalismus’ sein. Nein, ich meine ein bessere Maßstab wäre Objektivität.
Markus Gabriel definiert Objektivität einfach als “dasjenige Merkmal einer Einstellung, das darin besteht, dass wir uns täuschen oder auch richtigliegen können”. Auch Meinungen können objektiv sein - manche objektiv falsch, andere richtig. Objektiv falschen Meinungen sollten wir nicht allzu viel Zeit widmen (QAnon), genauso wenig den völlig richtigen (anthropogene Erdüberhitzung). Interessant wird es bei allem dazwischen …
Mangelhafte Kommunikation
Den einen gilt er als Deutschlands politische Zukunft, den anderen als Motiv für kreative, teils ruchlose Memes. Es geht um den zweitjüngsten Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor (CDU). Eines Spiegel-Berichts zufolge soll dieser eine mindestens zweifelhaft legale Nebentätigkeit bei einem US-amerikanischen Start-up namens Augustus Intelligence innegehabt haben. Für seine Lobbyarbeit im Auftrag des Start-ups sei er in Unternehmensanteilen entlohnt worden.
Amthor sieht das Problem jedoch woanders: in der öffentlichen Wahrnehmung seines Verhaltens.
Er erklärte unmittelbar schriftlich:
“Ich bin nicht käuflich. Gleichwohl habe ich mich politisch angreifbar gemacht und kann die Kritik nachvollziehen. Es war ein Fehler. Mein Engagement für das Unternehmen entspricht rückblickend nicht meinen eigenen Ansprüchen an die Wahrnehmung meiner politischen Aufgaben.”
Ich habe einen Kommunikationstipp für Amthor.
Wer Fehler macht, der sollte nicht die öffentliche Wahrnehmung des Fehlers bereuen, sondern das eigene Handeln, durch welches der Fehler verursacht wurde. Wie wäre es mit: Ich habe einen Fehler gemacht.
Klingt viel ehrlicher, nicht wahr?
Ein Kommunikationsprofi scheint Amthor tatsächlich nicht zu sein, denn auch parteiintern war das Staunen groß über die Veröffentlichung im Spiegel; und das, obwohl Amthor vier Tage zurvor mit einem Fragenkatalog konfrontiert wurde.
Der CDU-Jungstar und sein Lobbygeschäft: Ist Philipp Amthor käuflich? - DER SPIEGEL - Politik
Wie divers ist die deutsche Medienlandschaft?
Ungenüngend, lässt sich lakonisch konstatieren.
Fangen wir bei mir an. Ich bin weder eine Person of Color, noch gehöre ich einer religiösen oder weltanschaulichen Minderheit an. Ich habe jedes erdenkliche Privileg. Deswegen sollte ich vorsichtig sein, wenn ich jetzt gegen die deutsche Medienlandschaft aushohle.
Aber es muss sein. Hilf mir - fällt Dir eine bekannte deutsche Talkshow ein, in der regelmäßig mehr Frauen als Männer zu Gast sind, People of Color immer wieder gehört werden oder die sogar von einer schwarzen Moderatorin geführt wird. Zugegeben, das ist eine Fangfrage …
In der Süddeutschen Zeitung führt Dunja Ramadan aus, inwieweit die Ursachen für diese “Betriebsblindheit” systemisch sind:
“Grund für diese Betriebsblindheit ist die Tatsache, dass in den meisten deutschen Pressehäusern und öffentlich-rechtlichen Anstalten eine ziemlich geschlossene Gesellschaft anzutreffen ist. Einlass hat oft nur, wer in seinem Akademikerhaushalt ein gut gefülltes Bücherregal stehen hatte, wer es sich leisten konnte, unzählige unbezahlte Praktika zu machen - und wer ein finanzielles Polster hat, um das anfangs spärliche Gehalt und unsichere Berufsperspektiven aufzufangen.”
Sie hat recht. Es reicht nicht, ein gewisses Maß an grundsätzlicher (mathematischer) Gleichheit herzustellen und das Chancengleichheit zu nennen. Die Ausrottung der über Jahrtausende praktizierten Rassismen geht nicht von jetzt auf gleich. Dieser Prozess ist außerdem nicht irreversibel. Wir als Gesellschaft dürfen uns nicht auf das verlassen, was schon da ist, sondern müssen etablierte Strukturen immer wieder kritisch hinterfragen. Dazu zählt vor allem die Medienlandschaft, die unser politisches “Setting” fundamental beeinflusst.
Mir fiel gestern erst auf, dass mein Podcast-Feed fast ausschließlich “weiß” ist. Das habe ich vorgestern noch für selbstverständlich genommmen, es ist jedoch eine “Betriebsblindheit”, an der ich arbeiten muss.
Kebekus-Brennpunkt zum Thema "Rassismus"
Kebekus-Brennpunkt zum Thema "Rassismus"
Immer noch Interesse? Hier einige spannende Texte, die mir im Laufe der Woche unterkamen:
Ich schaffe es unmöglich, über alles zu schreiben, was mir die Woche über unterkam. Die spannendsten Texte verlinke ich Dir ab sofort am Ende der Wochenschau:
Has ‘America First’ Become ‘Trump First’? Germans Wonder - The New York Times
taz-Recherche zu rechtsextremen Preppern: Vorbereitung auf den „Rassenkrieg“ - taz.de
Die ARD zeigt Chinas Kampf gegen Corona - wie China ihn sehen will | Übermedien
Yet Another Week of Trump Failing to Be an Actual Authoritarian - The Atlantic
How Google Docs became the social media of the resistance | MIT Technology Review
Special Episode: The Song That Found Me - The New York Times
Somit verabschiede ich mich - etwas verspätet - für diese (und die letzte) Woche! Die nächste Ausgabe der Wochenschau wird planmäßig am Sonntagmorgen erscheinen.
Du kannst mir einen Riesengefallen tun, indem Du den Newsletter teilst und abonnierst, sollte das nicht schon der Fall sein.
Wenn Du Anregungen oder Fragen hast, kannst Du einfach auf die E-Mail antworten und wir können ins Gespräch kommen. Ich freue mich!
Viele Grüße
Dominik Lawetzky
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Dominik Lawetzky

In der Politischen Wochenschau greife ich aktuelle Ereignisse aus Politik und Wirtschaft auf, die ich eines kritischen Blickes unterziehe und (teilweise) wissenschaftlich analysiere. Die Wochenschau erscheint sonntags.

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